„Penzberg-100 Jahre Stadt (1919-2019)“ Ein Jubiläum wirft seine Schatten voraus

Geschichte Rathaus PenzbergAls Penzberg zur Stadt wurde Das Stadtbild Penzbergs

Nachkriegszeit, Hunger, Armut, Unruhen und Revolution. Und mittenhinein die Stadterhebung Penzbergs.

Was waren das doch für Zeiten!, wird man sagen, wenn man durch die Seiten des Penzberger Anzeigers von 1919 blättert, einzusehen im Stadtarchiv unterm Rathaus. Von der vermeintlich guten, alten Prinzregentenzeit, wie sie am Anfang jeder TV-Folge des „Königlich Bayerischen Amtsgerichtes“ gepriesen wurde, war nicht mehr viel übrig. Wir erinnern uns: „Das Bier war noch dunkel, die Menschen war’n typisch, die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger.“ Der I. Weltkrieg war im Oktober 1918 zu Ende gegangen, es hatte Millionen Tote auf den Schlachtfeldern gegeben, viele schneidige Burschen, anfangs mit Hurra in den Krieg gezogen, waren nicht mehr oder körperlich und seelisch versehrt heimgekommen. Die Monarchie hatte abgedankt, in Bayern war am 7. November 1918 der Freistaat ausgerufen worden. Doch es sollte lange dauern, bis wieder Ordnung einkehrte und sich so etwas wie die altbairische Gemütlichkeit einen Platz am Wirtshaustisch zurückerobern konnte. Die Welt schien nicht nur aus den Fugen geraten, sie war es.

EINE WELT AUS DEN FUGEN

„Die Geschlechtskrankheiten haben in den letzten Monaten einen geradezu erschreckenden Umfang angenommen“, vermeldete der Penzberger Anzeiger am 18. Februar 1919 bezugnehmend auf ganz Bayern. „Die Stationen der Krankenhäuser sind überfüllt, aber ungezählte Tausende verheimlichen unbewußt oder aus falscher Scheu ihr Leiden und übertragen es noch dazu in weite Frauen- und Mädchenkreise, von denen nicht selten wiederum Ansteckung bisher gesunder Männer erfolgt. Auf diese Weise nimmt die Krankheit rasch einen derartigen Umfang an, daß wir es jetzt schon mit der unheimlichsten Volksseuche zu tun haben, die je die Gesundheit unseres Volkes bedrohte.“ Zu lachen war das weiß Gott nicht, wenn auch die unfreiwillige Komik dieses Artikels nicht zu leugnen ist: „Die Gefahr ist umso größer, als sich das Uebel nur allzuleicht fortvererbt bis ins dritte und vierte Glied.“

Weit dramatischer als die Folgen des Sittenverfalls freilich war die Spanische Grippe, die im Mai 1918 ausgebrochen war und in mehreren Wellen über Europa und den Rest der Welt hinwegfegte. In Deutschland schwächte sich diese Pandemie im Frühjahr 1919 deutlich ab. Doch kostete sie allein in Bayern mehr als 30.000 Menschen das Leben – genauere Erhebungen dazu gibt es nicht, weil die Wirren nach Kriegsende und die politischen Verwerfungen derart im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung standen, dass man sich der ganzen Tragweite der Krankheit erst im Nachhinein bewusst wurde.

Zu Krankheit, Trauer – Penzberg beklagte den Tod von 171, im Krieg umgekommenen Männern – und Not (schon während der Kriegsjahre hatten sich viele genötigt gefühlt, Lebensnotwendiges auf den Feldern des Umlandes zu stehlen; Kartoffeln und Gemüse waren besonders gefragt) kamen nun politische Unruhen, die einerseits die Folgen des Kriegsendes und des Zusammenbruchs der Monarchie waren, andererseits aber auch schon den Grundstein legten für den nächsten Weltkrieg.

Kurt Eisner, der sozialdemokratische erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern, wird am 21. Februar 1919, dreieinhalb Monate nach seinem Amtsantritt, in München ermordet. „Kaum war er in der Promenadestraße gegenüber der Bayerischen Vereinsbank eingelenkt, als von einem jungen Manne von hinten zwei Schüsse auf den Ministerpräsidenten abgegeben wurden. Eisner hatte zwei Kopfschüsse erhalten, brach zusammen und war alsbald eine Leiche“, berichtet der Penzberger Anzeiger.

BERGARBEITER FÜR DIE DIKTATUR DES PROLETARIATS

Am 8. April vermeldet die Zeitung auf Anordnung des „Arbeiterrates“ die Ausrufung der Räterepublik in München. „Die Diktatur des Proletariats, die nun zur Tatsache geworden ist, bezweckt die Verwirklichung eines wahrhaft sozialistischen Gemeinwesens.“ Das hört man gern in Penzberg, zumindest bei den vielen Bergarbeitern.

Bei einer Versammlung tags darauf fällt der Beschluss, das folgende Telegramm an den Zentralrat nach München zu schicken:

„Die Bergarbeiter von Penzberg begrüßen die Einführung der Räterepublik. Sie geloben, mit ihrer ganzen Kraft sich hinter diese zu stellen. Die beiden sozialistischen Parteien.“

Die Folgemonate bringen in den bayerischen Städten Generalstreiks, Bewaffnung, Bürgerkrieg.

Penzberg aber ist zum Glück noch Kleinstadt. Gerade erst zur Stadt geworden. Zwar wird auch hier „verschärfter Belagerungszustand“ verhängt und das „Stehenbleiben auf der Straße, Zusammenstellungen und Versammlungen“ sind untersagt. Doch alles in allem kommt Penzberg, was die Belange der fragilen Weimarer Republik, der revolutionären Räterepublik und der grausamen Kämpfe in München angeht, glimpflich davon.

Ein Jahr zuvor, im April 1918 hatte der Penzberger Gemeindeausschuss den Antrag gestellt, die Landgemeinde Penzberg möge „unter Einführung der Städtischen Verfassung in die Klasse der Städte eingereiht werden…“

Die Verwaltung hatte diesem Antrag im Herbst 1918 allerhand nachzureichen, so zum Beispiel die Einwohnerzahl (5.533), die Anzahl der im Bergbau Beschäftigten (1.393) sowie eine Auflistung der gewerbesteuerpflichtigen Geschäfte und Betriebe. Als da waren: 1 Apotheke, 5 Bäckereien, 1 Brauerei, 3 Bader- und Friseurgeschäfte, 1 Buchbinderei, 1 Buchdruckerei, 12 Gastwirtschaften, 2 Konditoreien, 1 Kohlebergwerk usw. Man erledigte alles umgehend, um die Städtische Verfassung erhalten zu können. Es ging darum, das überkommene System mit Gemeindeausschuss und Gemeindebürgerversammlung durch einen Stadtrat zu ersetzen. Und es ging natürlich auch darum, „das Mitbestimmungsrecht des Höchstbesteuerten“ (also der Oberkohle) an gemeindlichen Entscheidungen auf ein Minimum zu reduzieren.

1. MÄRZ 1919: STADTERHEBUNG

Am 1. März 1919 kann Bürgermeister Andreas Höck in der Gemeindeausschuss- Sitzung die Stadterhebung bekanntgeben.

„Der Ostermontag soll endlich das hiesige Kriegerfest bringen“, schreibt bald danach der Penzberger Anzeiger. „Dasselbe soll zugleich auch das Wiegenfest für die junge Stadt sein … Der Tag soll den Heimgekehrten ein liebevoller Heimatdank sein; der Gesamteinwohnerschaft aber möge er das Geburtsfest der neuen Stadt am Eingang einer neuen Zeit werden. Durch Zieren und Beflaggung der Häuser zeige jeder, daß er kraftvoll mitarbeiten will am Dank-, Opfer-, Friedens- und Geburtsfest der jungen Stadtgemeinde.“

Und über dem umfangreichen Festprogramm des 21. April 1919 steht hoffnungsfroh: „…in Ruhe und Eintracht, in neuer Schaffensfreude und brüderlichem Wohlwollen bauen wir unsere Stadt auf.“
Was man 1919 im Jahr der Stadterhebung nicht vorausahnen kann: Im selben Jahr noch sollte sich ein gewisser Hitler der unlängst gegründeten Kleinstpartei DAP (Deutsche Arbeiterpartei) anschließen, nicht als 555. Mitglied, wie der Ausweis besagt, sondern als 55. Binnen weniger Monate steht dieser Mann – einer der größten Verbrecher der Weltgeschichte – an der Spitze und sorgt für die Umwandlung in die NSDAP. Alles andere ist bekannt, ist fürchterlich und unleugbar.

Auch die in 1930-er Jahren immer noch junge Stadt Penzberg wird unter dem Regime des Terrors und des Wahnsinns zu leiden haben. Aber erst einmal wird gefeiert. Kriegerheimkehr und Stadterhebung. Festzug, Feldmesse, Musik, Theater, Feuerwerk. Ein großer Tag.

Aus dem Penzberger Anzeiger: „24. März – Aus Eifersucht getötet: Eine schreckliche Tat setzte unsere junge Stadt heute Morgen in begreifliche Aufregung. Gestern Abend halb elf Uhr überraschte der Wirtschaftspächter des ‚Tutzinger Hofes‘ im Schlafzimmer seiner Frau den ledigen Metzgergehilfen Wilhelm W., den er durch mehrere Messerstiche sofort tötete. Auch seine Frau Leokadia verletzte der Täter durch Stiche so schwer, daß diese heute Morgen im Knappschaftskrankenhause dahier ebenfalls verstarb.“

Aus dem Penzberger Anzeiger: „Am Samstag, den 26. April, gibt Josef Aigner im Saale des bayer. Hofes einen großen humoristischen Abend mit 2 Damen und 4 Herren. Da nur beste Kräfte mitwirken und das Programm zwölf der neuesten Nummern umfaßt, so ist ein sehr genußreicher Abend zu erwarten.“

Aus dem Penzberger Anzeiger vom 3. Mai 1919:

„Bekanntmachung: Regelung des Fremdenverkehrs – Da die allgemeine Ernährungslage sich in der letzten Zeit noch weiter verschlechtert hat und auch für die nächsten Monate mit einer Besserung nicht gerechnet werden kann, so wurde mit Entschließung des Ministeriums für Landwirtschaft vom 31. v. Mts. verfügt, daß der Fremdenverkehr in den hauptsächlich von Fremden besuchten Bezirken, darunter auch Weilheim, auch über den 31. März 1919 hinaus weiterhin ausgeschaltet bleibt. Stadtmagistrat Penzberg