Kunststadt Penzberg

International bekannt und berühmt: Heinrich Campendonks Malerei, Egbert Grevens Grafik und Max Kruses Kinderliteratur.

International bekannt und berühmt: Heinrich Campendonks Malerei, Egbert Grevens Grafik und Max Kruses Kinderliteratur.

Wer sich auf der Autobahn A 95 Penzberg nähert, wird schon einige Kilometer vor der Ausfahrt plakativ darauf aufmerksam gemacht. Eine sogenannte touristische Unterrichtungstafel (einfacher gesagt: ein Hinweisschild) kündigt braun und weiß eine besondere und besonders sehenswerte Kulturstätte an: Museum Penzberg – Sammlung Campendonk. Was man ja durchaus als Auszeichnung für Penzberg werten kann. Es scheint so, als hätte dieses Hinweisschild das 2016 eröffnete Museum in den kulturellen Adelsstand erhoben.

Dabei wird die Kultur in der ehemaligen Bergbaustadt von jeher großgeschrieben. Die vielen Veranstaltungen von Orchestern und Chören, im Theater oder im Kino sind deutlicher Beleg dafür (und davon war ja auch an anderer Stelle im Heft schon die Rede).
Hier nun aber soll von drei großen Künstlerpersönlichkeiten erzählt werden, die in Penzberg ihre Heimat beziehungsweise zweite oder dritte Heimat gefunden hatten. Neben dem Umstand, zumindest zeitweise in Penzberg oder ganz in der Nähe gelebt zu haben, verbindet diese Drei, dass sie, jeder auf seine Weise, Großartiges zu Papier – oder auf die Leinwand – gebracht haben: mit Pinsel, Zeichenstift und der Schreibmaschine. Gemeint sind neben jenem Heinrich Campendonk der Grafiker und Karikaturist Egbert Greven und der international bekannte Schriftsteller Max Kruse.

Kunststadt Penzberg3AUDIENZ BEIM SATIRIKER
Es war so sicher wie der Wochenmarkt an jedem Donnerstag oder wie die Leserbriefflut nach jeder Stadtratssitzung:
Morgens von halb neun bis halb zehn saß Egbert Greven an einem Ecktisch im Café Freudenberg, dem Rathaus gegenüber, und gab Audienz. Sprich: Wer ihn treffen wollte, wer Lust hatte, mit ihm über seine Kunst und vielleicht über Politik und Gesellschaft im Großen (Deutschland und die Welt) oder im Kleinen (Penzberg) zu sprechen oder wer sich einfach ein humoriges Wortgefecht mit ihm zu liefern gedachte, der ging ins Freudenberg, genoss den Cappuccino und das Croissant und die halbe Stunde mit diesem genialen Querkopf, der sich als Grafikkünstler bundesweit einen Namen gemacht und als Karikaturist national und international Anerkennung gefunden hatte. Für seine spitze Feder und seinen wespenstichartigen Humor war er beileibe nicht nur in Penzberg oder Iffeldorf berühmt, nicht nur im sogenannten Blauen Land und nicht nur im Landkreis Weilheim-Schongau – da allerdings ganz besonders. Denn es war Greven eine besondere Lust, die kommunalpolitischen Ereignisse und ihre Protagonisten gleichsam aufzuspießen wie Schmetterlinge für den Glaskasten. Keine Frage: Egbert Greven war eine Institution. Egal, wo man in Penzberg oder auch im benachbarten Iffeldorf hinkommt, überall stößt man auf Zeugnisse seines unermüdlichen Schaffens: In den Rathäusern, auf den Fluren des Krankenhauses, in Pfarrämtern, in Gaststätten und Büros (und in privaten Haushalten sowieso). Seine Karikaturen, schön, bissig, aber nie unterhalb der Gürtellinie, haben ihn legendär gemacht.
Dass er mehr war als der treffsichere Zeichner und genialische Grafiker, beweist unter anderem sein Engagement in Sachen Musik. In Iffeldorf hob er 1990, damals zusammen mit dem Bildhauer Anton Ferstl, die Kulturbegegnungen“ aus der Taufe, die dann zu den „Iffeldorfer Meisterkonzerten“ wurden und deren Leitung ihm bis 2014 oblag. Und in der Tat waren es Jahr um Jahr wahre Meister, die er zu den oft vom Rundfunk mitgeschnittenen Konzerten an die Osterseen geholt hat. Dem Penzberger Nachbarort, gesegnet mit herrlicher Natur, hat er, unterstützt von einem begeisterten Team, damit auch zu überregional gefragter Kultur verholfen (www.iffeldorfer-meisterkonzerte.de).

1941 in Oberschlesien geboren, hat sich Greven, der sich nie als Künstler, immer nur als Handwerker oder Kunsthandwerker bezeichnet hat, von den späten siebziger Jahren an erst in Penzberg, dann in Iffeldorf, dann wieder in Penzberg niedergelassen. Der Schalk saß diesem außergewöhnlichen Mann genauso im Nacken wie der Tod, dem er, schwer erkrankt, über viele Jahre trotzen konnte. Am 1. Februar 2018 ist Egbert Greven gestorben. „Es war ein Gewinn, mit ihm Pläne und Ideen in die Welt zu setzen“, schrieb die Kulturschaffende und Museums-Initiatorin Gisela Geiger in ihrem Nachruf. „Denn genau das ist Kulturarbeit: Der gestaltende Eingriff in bisher nicht ‚beackertes Gelände‘.“

 

Kunststadt Penzberg2PENZBERGS BLAUER REITER
In Penzberg hat er nie gelebt. Immer nur in der nahen Umgebung, in Sindelsdorf und in Seeshaupt, und auch das nur elf Jahre lang. Doch gibt es mindestens zwei Bilder, die eindeutig dafür sprechen, dass ihm hier, in Penzberg, ein Museum gewidmet ist: „Penzberger Reiter“ von 1918 und „Die Barbarazeche“ von 1919. Zwei Aquarelle, beide nahe dem Format DIN A3 (ein bisschen mehr hier, ein bisschen weniger da). Dazu das Bild „Die kleinen Pferde“ von 1912, das sich als Dauerleihgabe im Museum befindet und „Die Armen“ vom Herbst 1918. Für Campendonk war Penzberg in seiner oberbayerischen Zeit von 1911 bis 1922 stets auch kleinstädtische Anlaufstelle: hier war die Post, hier gab es Geschäfte und Waren, die man im Dorf nicht bekam. Dass die Arbeiterstadt auf ihn grundsätzlich ungewöhnlich gewirkt haben könnte, ist bei seiner Herkunft – er wurde 1889 in Krefeld geboren – nicht anzunehmen. Das Außergewöhnliche am damaligen Penzberg ergab sich aus dem bäuerlichen Umland. Zwischen der Stadt und ihrer Umgebung herrschte ein starker Kontrast; sie war, und da muss man gar nicht um den heißen Brei reden, in dieser kleindörflichen und zwiebeltürmigen, von Kirche und Landwirtschaft geprägten Region, ein Fremdkörper. „Bereits seit 1912 tauchen in Campendonks Bildern Dreiecksformen, Häuser und diagonal gesetzte Bildelemente auf, die an die Berghalde, die Penzberger Siedlungshäuser und die Bergwerkskamine erinnern“, ist in dem 2002 von Gisela Geiger und Anne Beutler herausgegebenen Buch „Heinrich Campendonk. Oberbayern – Station Penzberg“ nachzulesen. Dr. Andrea Firmenich, vormals Geschäftsführerin der nahen Stiftung Nantesbuch, stellte im 1989 erschienenen Campendonk-Werkkatalog die nicht zweifelsfrei zu beantwortende Frage, was den Maler dazu bewegt habe, so „direkt in seinen Bildern auf die Penzberger Stadtgeschichte Bezug zu nehmen. Es sei ihm wohl weniger um „das Festhalten historischer Gegebenheiten“ und auch nicht um Sozialkritik gegangen. Für Firmenich beobachtete Campendonk einfach nur „die Menschen, die Tiere, die Vegetation und die Penzberger Landschaft präzise und transponierte das Gesehene ins Aquarell.“ Sicher, die „Bauen Reiter“ Marc und Macke, Kandinsky und Münter sind berühmter geworden als Campendonk, was auch damit zu tun hat, dass er in der NS-Zeit in die Niederlande ins Exil ging. Aber kein anderer hat Penzberg derart kunstvoll in Szene gesetzt, derart poetisch in Farben übertragen wie er. Und wer sich erst einmal auf das immense Schaffen Campendonks einlässt, auf die Arbeiten in Öl, Hinterglas und auf Papier, nicht zu vergessen seine großartigen Fensterbilder, wird einen bedeutenden, den oben genannten vielleicht in der Sendkraft, gewiss aber nicht in der künstlerischen Qualität nachstehenden Meister von Komposition, Farbe und Form kennen lernen. In Penzberg geht das am besten im Museum der Stadt. Und in der katholischen Christkönigkirche! Dort erwarten die Besucher vier Fenster nach Entwürfen Campendonks, der sich von 1926 an mit dieser Kunstform befasst und der Lehrstühle in Düsseldorf und Amsterdam innegehabt hat. Besonders ergreifend: das Passionsfenster in der Passionskapelle. Ein weiteres Glasfenster, das Jesaja-Fenster, befindet sich auf der Orgelempore. Die Entwürfe „St. Martinus“ und „Fischreuse“, andernorts im Original ausgeführt, sind in Lichtkästen ausgestellt. Keine Frage, Heinrich Campendonk, 1957 in Amsterdam gestorben, hat in Penzberg Spuren hinterlassen, die es immer wieder neu und auch lustvoll zu entdecken gibt.

Kunststadt Penzberg6

 

 

EIN EIGENES MUSEUM FÜR CAMPENDONK
Bei jedem großen Kulturprojekt bedarf es nicht nur eines engagierten Teams, sondern vor allem einer Persönlichkeit, die mit Begeisterung, leidenschaftlich und beharrlich das Ziel verfolgt. Im Falle des „neuen“, am 4. Juni 2016 eröffneten Museums Penzberg war dies ganz fraglos Gisela Geiger. Sie hat nicht nur unablässig für das Museum geworben und gekämpft, sie hat auch Heinrich Campendonk aus dem Schatten von Marc und Kandinsky geholt und ihn in der Kunstgeschichte dorthin gerückt, wohin er gehört. 2002 organisierte sie die erste Penzberger Campendonk-Ausstellung, in der Folgezeit betrieb sie kuratorische, publizistische und wissenschaftliche Arbeit. Sie leitete das „herkömmliche“ Stadtmuseum hauptamtlich von 2007 an, begleitete die Entstehungsphase des neuen Museums, präsentierte von 2002 an Campendonks Werk in mehreren, vielbeachteten Ausstellungen und ging 2018 in einen Ruhestand, der weiterhin vom Kulturschaffen geprägt sein wird.

Angesprochen auf das Bundesverdienstkreuz, das sie auch dafür bekam, „aus einem Heimatmuseum ein überregional vielbeachtetes Stadtmuseum“ gemacht zu haben, wiegelt sie ab. „Ganz entscheidend war doch immer das Team“, sagt sie. „Ohne Tom Sendl wäre alles nicht möglich gewesen. Ich stamme aus Bottrop, spreche kein Bayerisch. Da komme ich bei den Leuten nicht so gut an.“ Lächeln. „Tom war immer mein Dolmetscher…“ Wie dem auch sei: Gisela Geiger und all ihren Getreuen ist es gelungen, der Stadt Penzberg einen neuen Markstein zu setzen, der lang wirken wird. Das Museum bezieht seinen ganz besonderen Reiz nämlich nicht nur aus der weltweit größten Sammlung von Werken Heinrich Campendonks. Spektakulär ist auch die Architektur des Penzbergers Thomas Grubert. Er hat seinen modernen Anbau mit dem denkmalgeschützten Bergarbeiterwohnhaus kombiniert, das bis vor wenigen Jahren als Stadtmuseum gedient hat. Ein städtebaulicher Glücksfall für die Stadt! Bemerkenswert auch, dass in den beiden ineinander verzahnten Gebäudebereichen sowohl Campendonk als auch die Stadtgeschichte zeitgleich gezeigt werden können. Letzteres mit den beiden Dauerausstellungen zur „Penzberger Mordnacht am 28. April 1945“ sowie einer exemplarischen Bergarbeiterwohnung aus der Zeit um 1920. Kurzum: Das Museum Penzberg vermittelt auf elegante und eindrucksvolle Weise Geschichtsbewusstsein und Moderne einer höchst lebendigen Stadt.

MAGAZIN fuer Homepage3 12.20DER DICHTER AUS DEM PUPPENHAUS
Natürlich stellt sich die Frage, ob Max Kruse ein anderer Schriftsteller geworden wäre und andere Bücher geschrieben hätte, wäre er nicht der Sohn von Käthe Kruse gewesen, deren Puppen es zu Weltruhm gebracht haben und deren frühe Modelle enorme Sammlerpreise erzielen. 1921 in Kösen (Naumburg an der Saale) geboren, wuchs er also in einer Art Kinderwelt auf, Puppen, Puppen überall. Und diese Puppen sollten zunächst auch sein Berufsleben bestimmen. Denn nach 1945 setzte er das Lebenswerk seiner Mutter in Westdeutschland fort (im Osten war der Betrieb enteignet worden). Parallel dazu arbeitete er als Werbetexter und dann als freier Schriftsteller. Doch die Fortsetzung des Puppen-Imperiums musste ohne ihn stattfinden. 1952 kam sein erster Roman „Der Löwe ist los“ heraus und wurde auf Anhieb zum Erfolg. Es folgte Löwen-Geschichte auf Löwen-Geschichte, ehe ein weiterer Titelheld geboren war: das Urmel.
Zur Berühmtheit dieser Figuren trug ganz erheblich auch die „Augsburger Puppenkiste“ bei, die über Jahrzehnte aus dem Fernsehen, aus der „Kinderstunde“ nicht wegzudenken war. 2015 war in „Die Welt“ zu lesen, dass sich Kruse zusammen mit Michael Ende, Otfried Preußler und James Krüss zu so etwas wie der „Gruppe 47“ der Kinderliteratur zusammengefunden hatte: „Vier junge Männer, die das Kinderbuch entnazifizierten, indem sie dort anknüpften, wo nie ein Nazi gewesen war“.
Dieser „Revolutionär der Kinderliteratur“ lebte von 1986 an im Penzberger Ortsteil Untermaxkron. Er schrieb bis ins hohe Alter, und zwar nicht „nur“ Kinderliteratur. Besonders interessant in diesem Zusammenhang seine allerdings sehr umfassende Autobiographie „Im Wandel der Zeit – Wie ich wurde, was ich bin“ (siehe INFO). Dass die Stadt Penzberg und die Vereinigten Sparkassen im Landkreis Weilheim seit 2005 den Preis „Penzberger Urmel“ vergeben, ist zum einen die bedeutende Würdigung herausragender Kinderbuchautoren und –illustratoren unserer Zeit, zum anderen aber eine Hommage an den großen Max Kruse, der zwar am nördlichen Stadtrand etwas verborgen gelebt hat, der in Penzberg aber immer zu treff en, immer präsent war, und der bis zu seinem Tod im September 2015 am Stadtleben teilgenommen hat. Max Kruse starb im Alter von 93 Jahren – seine Geschichten vom Urmel, vom Löwen und von all den anderen fabelhaften Figuren werden wohl weitere 100 Jahre Klein und Groß begeistern.

 

Literaturpreis „Penzberger Urmel“
Der Literaturpreis „Penzberger Urmel“ wird seit 2005 im Zweijahres-Rhythmus von der Stadt Penzberg und den Vereinigten Sparkassen im Landkreis Weilheim vergeben. Er richtet sich an Autoren und Illustratoren von deutschsprachigen Kinderund Jugendbüchern. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Zusammenwirken von Text und Illustration. Der Schöpfer des „Urmels“, Max Kruse selbst, hat diesen Jugendliteraturpreis angeregt. Dotiert ist er mit 2.000 €. Den letzten Preis erhielt 2017 Kai Pannen für sein Buch "Du spinnst wohl". Auch 2019 kommt es wieder zur Preisvergabe im Rahmen einer Festverantaltung in der Penzberger Stadthalle. Wo könnte man der Geschichte einer Stadt besser und umfänglicher begegnen als in einem gut sortierten und bestens betreuten Stadtarchiv! Es ist ein Glücksfall, dass Penzberg über ein solches verfügt, ein bisschen versteckt zwar in den Kellerräumen des Rathauses, dabei aber höchst effizient. Was auch daran liegt, dass sich Stadtarchivarin Bettina Wutz und Archivmitarbeiterin Katrin Fohlmeister-Zach nicht allein aufs Sammeln, Sortieren, Katalogisieren beschränken, sondern immer auch wissenschaftlich und publizistisch aktiv sind (siehe hierzu die Buchtipps auf den folgenden Seiten). Mehrere hundert Regalmeter beherbergen die Schätze der Stadtgeschichte. Als da wären

• die Gemeindeprotokolle von St. Johannisrain ab 1891 und die Protokolle der Stadtratssitzungen seit 1919
• die Altregistratur von Gemeinde und Stadt ab 1878
• von 1900 an die gebundenen Ausgaben der Zeitungen „Penzberger Anzeiger“, „Hochland-Bote“ und „Penzberger Merkur“
• die gebundenen Jahresberichte von 1946 an
• die Chroniken des Handwerkervereins von 1877 bis 1955
• Zensurbücher der verschiedenen Schulen (Knaben-, Mädchen-, Feiertags- und Werktagsschule)
• eine stadtgeschichtliche Archivbibliothek sowie die Bibliothek des Bergknappen-Vereins
• Das Filmarchiv digital mit über 100 Filmen zur Stadtgeschichte und Stadtereignissen von Martin Weiglmeier
• ganz zu schweigen von den vielen Tausend Fotografien zur örtlichen Bergbaugeschichte und zur Entwicklung der Stadt.