Eine Stadt für Jung und Alt

Ob man Kind ist oder Senior(in),Penzberg ist eine lebenswerte Stadt. Ein Besuch in einem Kindergarten und bei der AWO.

„Unsere Enkelin geht hier in den Kindergarten“, erzählt ein Ehepaar, das man draußen in Reindl beim Spaziergangtrifft. Der Zaun, hinter dem man Kinder herumsausen sieht und mit viel Spaß spielen hört, besteht aus lauter riesigen Buntstiften. Schon von draußen wirkt das Ganze einladend und freundlich. „Die Kinder haben’s schön hier“, sagt die Frau. „Nicht nur hier“, sagt der Mann. „Penzberg hat ja eine ganze Reihe von Kindergärten. Da wird für die Kleinen wirklich bestens gesorgt.

“Der Städtische Kindergarten am Das er weg steht hier als Beispiel für das breite Angebot in Sachen Kinderbetreuung, dass die Stadt und die verschiedenen Verbände und Institutionen bereithalten (alle Adressen findet man in der aktuellen und umfangreichen „Stadt Penzberg-Info“, kostenlos erhältlich im Bürgerbüro des Rathauses).
92 Kinder werden derzeit hier bestens betreut. „Was ist das besonders Tolle hier“, fragt man die Fünf- und Sechsjährigen, die schon ungeduldig auf den etwas verspätet ankommenden Journalistenwarten. „Die Rutsche!“, kommt es bei Kenan wie aus der Pistole geschossen. „Und der Sandkasten.“ Viele Armeschnellen in die Höhe. Vor allem die Bubenwollen etwas loswerden. „Rumsausen“, sagt einer. Die Hängebrücke wird genannt und der Tunnel, beides im weitläufigen Freigelände der 1987 eröffneten Anlage. Florian findet ganz einfach das Spielen hier super. Die Mädchenhören aufmerksam zu und schweigen. Endlich gibt sich Katharina einen Ruck. Sie hat sich was zurechtgelegt und sagt druckreif: „Es ist ein richtigtolles Leben hier im Kindergarten. “Da haben Dagmar Köhler, seit 1991 Erzieherin am Kindergarten und seit 2016 dessen Leiterin, sowie ihre Stellvertreterin Tamara Eberl allen Grund, sich zu freuen. Und während die Kinder in den Garten rennen, wo schöne Fotos gemacht werden sollen, sagt Dagmar Köhler: „Unsere Hauptaufgabe ist es, den Kindern die Möglichkeit zu bieten, Kind zu sein, sich geborgen zu fühlen.
Sie sollen lachen, staunen und ganznebenbei auch Wissen erwerben. “Klingt gut. Klingt hervorragend. „Aber“, fügt sie hinzu, „Lesen und Schreiben ist nicht wichtig.“ Eine Aussage, die man erst einmal nicht erwartet hätte. Darüber muss man sich noch ausgiebiger unterhalten. Doch wegen dem engen Terminplansteht nach dem Foto-Shooting erst einmal ein Ortswechsel an. Auch bei der AWO warten an diesem Herbstnachmittag Leute auf ein Treffen und ein Gespräch.

Eine Stadt fur Jung und AltORTSWECHSEL: VON JUNG ZU ALT

So, und nun geht es vom Städtischen Kindergarten einmal quer durch die Innenstadt ,am Rathaus vorbei zur Stadthalle und zur Polizeidienststelle. Dort ist ein Treffen mit der Vorsitzenden der AWO anberaumt, einem jener Sozialverbände in Penzberg, die sich in besonderem Maße den Belangen älterer und alter Menschen annehmen. Allerdings nicht nur. Gleich nebenan ist der AWO lino Kindergarten. Und außerdem gibt es ja auch die Lernpaten-Initiative, beider die „Alten“ ihr Wissen an die „Jungen“ weitergeben bzw. ganz einfach dabei helfen, den Schulstoff zu verinnerlichen oder die Hausaufgaben zu meistern. An dieser Stelle freilich soll es vor allem um die Menschen jenseits der 65 gehen.
Wie es der Zufall will, trifft man unweit der AWO das Ehepaar wieder, das nun am Schwader graben entlangschlendert. „Ach, Sie schon wieder“, sagt er. „Auf dem Weg zu den Senioren? Das ist ja eine gute Mischung: Jung und Alt.“ Dass das Thema Altwerden ein besonders wichtiges ist, merkt die Frau an: „Bis vor ein paar Jahren haben wir uns über so etwas noch überhaupt keine Gedanken gemacht. Aber dann wird einemmehr und mehr bewusst, dass man allmählich in die Jahre kommt. Und von da an drehen sich viele Gedanken und Gespräche ums Älter- und ums Altwerden .Und wie es uns damit ergehen wird. “Ganz klar, in einer zunehmend älterwerdenden Gesellschaft machen sich viele Menschen Sorgen um ihre Zukunft im Rentenalter. Ob das Geld für den Lebensunterhaltreichen wird? Was geschieht, wenn man eines Tages auf Pflege angewiesen ist? Kann man zuhause alt werden oder muss man irgendwann in ein Heim? Und wenn ja, in welches? Drängende Fragen, auf die es keine allgemeingültigen Antworten gibt. Eines aber ist klar: Penzberg hält ein breites Angebot für die älteren Menschenbereit. Niemand wird alleingelassen (außer er will es so).

Eine Stadt fur Jung und Alt 3100 JAHRE ARBEITERWOHLFAHRT

Die AWO steht hier nun stellvertretend für die zahlreichen sozialen Organisationen in der Stadt. Zum einen, weil sie sich in Penzberg seit 72 Jahren vorbildlich und überwiegend ehrenamtlich engagiert, zum anderen, weil 2019 ein ganz besonderes Jubiläum ansteht: Am 13. Dezember 1919, vor 100 Jahren also, rief die Sozialdemokratin Marie Juchacz den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt“ ins Leben. Dieser Tag gilt als die Geburtsstunde der Arbeiterwohlfahrt. Heute unterhält sie in den 16 deutschen Bundesländern insgesamt über 14.000 Einrichtungen und Dienstleistungsorganisationen aller Art.
„Eigentlich wird die Penzberger AWO auch schon hundert“, sagt die Erste Vorsitzende des Ortsvereins, Ute Frohwein-Sendl. „Von 1919 an war die Arbeiterwohlfahrtauch in Penzberg aktiv. Dann ist sie von den Nazis verboten worden und nach dem Krieg waren alle Unterlagenaus der Zeit bis 1933 verschollen. Deshalb gehen wir immer vom Jahr der Neugründung 1946 aus.
“Im Haus der Polizeidienststelle am Josef-Boos-Platz findet man auch das Josef-Boos-Heim der AWO. Es ist ein beliebter SeniorInnen-Treff, bietet es doch Räumlichkeiten für die verschiedensten Nutzungen. Seniorenclub, Freizeitclub, Strickkreis und einiges andere steht hierwöchentlich auf dem Programm. Dabei ist für ältere Menschen das Programm nicht das Wichtigste. Vielmehr geht es ihnen um Geselligkeit, Austausch, gute Gespräche und, vor allem, um das Gefühl nicht allein zu sein. „Wir können hier der Sorge vieler älterer Menschen, vor allem der alleinstehenden, entgegenwirken, dass dieser Lebensabschnittmit Vereinsamung einhergeht“, sagt die Penzberger AWO-Ehrenvorsitzende Friederike Patzer. So organisiert die AWO denn auch Ausflüge, Stammtisch im Bistro „Genießer“ in der Rathauspassage, Vorträge und Feste. Und zwar, um es neudeutsch auszudrücken, interaktiv. Sprich: zahlreiche ältere Menschenmachen mit. Sie planen, organisieren, veranstalten. Oder sie helfen ganz einfach, wo helfende Ideen und helfende Hände gebraucht werden.

ZAHLREICHE EINRICHTUNGEN – NICHT NUR FÜR SENIORINNEN

Der AWO begegnet man in Penzberg sozusagen auf Schritt und Tritt. Mit verschiedensten Einrichtungen trägt sie maßgeblich zum sozialen Leben in der Stadt bei. Neben dem Engagement für die älteren Menschen, kümmert sie sich um die Jugendsozialarbeit, die Schulsozialarbeit an der Bürgermeister-Prandl-Schule und der Grundschule an der Birkenstraße, sie ist beim Thema Integration sehr aktiv und betreibt neben dem AWO lino Kindergarten auch zwei Kinderhorte. Dazu kommt viel Hilfe im Einzelfall, beispielsweise in Form von Krankenbesuchen, Fußpflege etc., aber auch Hilfeleistungen, wenn alte Menschendurch irgendwelche Umstände in Not geraten. „Wenn es mit Behörden Probleme gibt, weil etwas nicht verstanden oder vergessen wird, zum Beispiel“, sagt Ute Frohwein-Sendl, die sich eben - so ehrenamtlich engagiert wie viele andere. Auf einen Nenner gebracht, lässt sich sagen: Die AWO ist, wann immer man ein scheinbar unlösbares Problem hat, eine der wirklich guten Anlaufstellen in der Stadt.

TOLERANZ UND INTERKULTURELLE ERZIEHUNG

Nun geht es zurück zum Städtischen Kindergarten und zum Treffen mit dessen Leiterinnen. Doch zuerst noch ruft mir vor der AWO eine ältere Dame nach: „Sie müssen aber noch am Donnerstagnachmittag vorbeikommen. Dann ist die Kleiderzentrale geöffnet. Das müssen Sie sich anschauen.“ Versprochen. Im Kindergarten haben Dagmar Köhler und Tamara Eberl jetzt Zeit fürs Gespräch. „Von acht bis nachmittags um drei sind die meisten Kinder da. Dann werden sie von den Eltern abgeholt. Aber natürlich werden die ersten Kinderschon um sieben Uhr gebracht und für die letzten geht es um halb fünf nach Hause“, sagt Köhler. „Bei beiden Elternteilen geht die Tendenz mehr und mehr in Richtung beruflicher Vollbeschäftigung.
“Das Team des Kindergartens, so Köhler, sei sich der großen Verantwortung sehr bewusst. „Man muss es so sehen –viele Kinder verbringen hier fast mehr Zeit als daheim mit den Eltern. Unsere Aufgabe besteht also auch darin, interkulturell zu erziehen und Toleranz zu entwickeln oder zu pflegen. “Dass dies sehr gut gelänge, berichtet Tamara Eberl: „Zu uns kommen Kinderaus verschiedenen Kulturen und auch Kinder mit körperlicher Behinderung oder Entwicklungsverzögerungen. Das Schöne ist: Es gibt da überhaupt keine Probleme. Die Kinder kennen keine Berührungsängste.
“Und wie stehen Eltern nun dazu, dass hier, im Städtischen Kindergarten, der Schwerpunkt nicht auf dem „Fitmachen für die Schule“ liegt, sondern auf dem „Kind sein dürfen“? Dagmar Köhler lächelt. Nach einer kleinen Weile sagt sie: „Damit machen wir es gewiss nicht allen Recht. Doch es geht hier um das Wohlbefinden der Kinderund nicht um die vornehmliche Leistungsorientiertheit in unserer Gesellschaft. Ein großes Anliegen aber ist uns, dass die Kinder Lebenskompetenzen entwickeln. Ich sage nur: Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Widerstandsfähigkeit, Werteerhaltung und soziale Fähigkeiten.

“Um freilich in dieser schnelllebigen Zeit stets hohe pädagogische Qualität zu bieten, wird den Erzieherinnen viel Flexibilität und ständige Weiterentwicklung abverlangt. „Schauen Sie“, sagt Eberl, „heutzutage ist jegliches Wissen schnell veraltet .Die Kinder kommen mit vielen verschiedenen Lebenskompetenzen, mit den verschiedensten Interessen und den vielfältigsten Fragen. Deshalb muss unser Konzept immer in Bewegung sein. “Was aber, so die beiden Leiterinnen, für sie und ihr ganzes Team von Erzieherinnenweniger belastend als motivierend ist. „Das ist wirklich spannend und eine täglich neue Herausforderung, immer situationsorientiert zu arbeiten und auf die diversen Bedürfnisse der Kinder zu reagieren.

“Dann, als es bereits ans Verabschieden geht, erzählen Dagmar Köhler und Tamara Eberl noch etwas, was mehr als überraschend ist, und was ein Mann, dessen Kinder längst erwachsen sind ,der noch keine Enkelkinder hat und dem deshalb einiges an diesbezüglicher Erfahrung fehlt, erst einmal bedenken und verarbeiten muss …


Eine Stadt fur Jung und Alt 4SECOND HAND IMMER DONNERSTAGS

„Wie alt sind Sie?“ fragt eine der Frauen im AWO-Kleiderzentrum. „Was? So jung noch! Dann waren Sie am Seniorennachmittag beim Volksfest gar nicht dabei. Das ist wirklich immer sehr schön… Für uns Alte gibt’s immer ein halbes Hendl und eine Mass Freibier. “Es ist Donnerstag. Ein halbes Dutzend Seniorinnen werkelt im Untergeschoss des Josef-Boos-Heimes, in der Kleiderzentrale. Das Versprechen, diese Einrichtung anzuschauen und gegebenenfalls auch darüber zu berichten, ist damit eingelöst.
In mehreren Kellerräumen stapelt sich in Regalen die Ware. Tipptopp zusammengelegt und sortiert. Der lange Flur erweist sich als eine Art endloser Kleiderständer mit Herrenhemden, Blusen, Westen, Jacken. Ein riesiges Angebot an gebrauchter Bekleidung, auf ordentlichen Zustand geprüft, feinsäuberlich auf die Bügel gehängt, bereit, von Menschen, die auf niedrige Preise angewiesen sind, für ganz weniger standen zu werden. Von 14 bis 17 Uhr hat die Kleiderzentrale geöffnet. Doch auch an den anderen Tagen finden sich oft ehrenamtliche AWO-lerinnen, beispielsweise um neu eingetroffene Kleiderspenden zu begutachten, um Ordnung zu machen oder zu halten, und um alles parat zu haben, wenn am nächsten Donnerstag wieder Menschen mit Niedrigstrente, Mütter vieler Kinder oder Asylbewerber auf der Suche nach dem Passenden sind. „Ist bei uns auch ein großes Thema: Integration“, sagt eine der Frauen. Sie ist Mitte siebzig ,verwitwet, und sie ist froh, hier stundenweiseaktiv sein und anderen Menschenhelfen zu können. Sie und alle hier bei der AWO und bei den anderen sozialen Einrichtungen verdienen wirklich höchsten Respekt.


SPIELEN OHNE SPIELZEUG

Am Schreibtisch dann, beim Sortierender Notizen und beim Erinnern an Gesichter, junge und alte, drängt sich diese eine, kleine Kindergartengeschichtewieder in den Vordergrund. Im Städtischen Kindergarten gibt es alle zwei bis drei Jahre eine spielzeugfreie Zeit. Penzberg war mit dabei, als dieses Konzept1992 zum ersten Mal Aufsehen erregte und dann international umgesetzt wurde. „Die Kinder wissen, dass wir nun das komplette Spielzeug im Kindergartenwegräumen und dass sie drei Monatelang ohne auskommen müssen“, erläutert Dagmar Köhler. Klingt hart.

„Erst einmal wissen die Kinder gar nichts mit sich anzufangen“, ergänzt Tamara Eberl. „Es ist dann sehr laut im Kindergarten. Für uns heißt das, mehr Arbeit, weil es eine ganze Weile dauert, bis wieder verstärkt kreativ gespielt wird. Der Effekt setzt aber bald ein: Die Kinder reden mehr miteinander und es drängt sie zur Teamarbeit. Und dann entdecken sie ihre Umgebung neu. Die meisten Kinder erleben das durchaus als spannend. “In der Kindergartenpädagogik gilt das Projekt „Spielzeugfreie Zeit“ als einer der profiliertesten suchtpräventiven Ansätze und als entscheidender Impuls für eine sinnvolle Suchtprävention .„Die Kinder lernen, ohne auszukommen. Das schafft wirklich Selbstbewusstsein“, bestätigt Köhler und fügt lächelnd hinzu: „Die Kinder kriegen das hin. Nur manche Eltern versuchen bisweilen, Spielzeug einzuschmuggeln …

“Sucht – da glaubt man meist, es hat immer nur etwas mit den Anderen zutun. Man selbst sei nicht betroffen, und so gehe einen das Thema nicht viel an. Dabei könnten wir Erwachsene uns eigentlich eine Scheibe abschneiden, nicht? Wir könnten doch einmal auf unsere Suchtmittel verzichten, wenigstens drei Monate lang. Auf Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten. Aufs ständige Fernsehen. Auf die Nutzung der (un)sozialen Medien. Oder aufs Verfassen unverhohlen aggressiver Leserbriefe zum Stadtgeschehen (was bei einigen Penzbergern ja auch zur Sucht geworden scheint) – Ansätze und Möglichkeiten jedenfalls gäbe es viele. Man lernt bekanntlich nie aus, egal, ob man jung ist oder alt.