Hier entsteht Zukunft

Roche ist größter Arbeitgeber und mit Abstand wichtigster Ausbilder in der Region. Alle arbeiten in den Bereichen Diagnostics und Pharma daran, Krankheiten zu besiegen, das Leben besser zu machen

PENZBERG UND DIE WELT
Ein Gespräch mit Roche-Werkleiter Dr. Ulrich Opitz

Der Roche-Standort Penzberg ist einzigartig. Nur in Penzberg vereinigt das weltweit operierende Unternehmen Forschung, Entwicklung und Produktion konzentriert an einem Ort. Der Werkleiter Dr. Ulrich Opitz, seit Juli 2017 an der Spitze von Roche in Penzberg, spricht über die enge Verbindung von Stadt und Unternehmen, von Zukunftsplänen und von Revolutionen im Gesundheitswesen.

Herr Dr. Opitz, Roche und zuvor Boehringer Mannheim haben dafür gesorgt, dass Penzberg seit nunmehr beinahe 50 Jahren bedeutender Forschungsstandort ist. Wie sehen Sie die Entwicklung der Stadt? In welchem Maß hat Roche in den letzten Jahrzehnten die Stadt geprägt?
Zunächst einmal darf ich etwas korrigieren: Oftmals wird Penzberg lediglich als Forschungsstandort wahrgenommen. Hier geschieht aber viel mehr: Forschung, Entwicklung und Produktion. Das bildet ein gewisses Ökosystem und man ist nicht abhängig von einer Einheit, und so ist Roche über die ganzen Jahre hinweg gewachsen. Nach dem ersten Spatenstich 1972 ist das Werk zwei Jahre später dann mit 150 Mitarbeitern eröffnet worden. Die weitere Entwicklung ist bekannt. Penzberg hat den Strukturwandel von der Bergbaustadt zum weltweit renommierten Standort für Biotechnologie vollzogen. Übrigens: Biomoleküle basieren auf Kohlenstoff.

Roche ist der größte Arbeitgeber in der ganzen Region …
…und das ist für uns Segen und Herausforderung zugleich! Die enorme Entwicklung war für uns ja erst einmal auch nicht absehbar gewesen. 1999, als wir in Penzberg an die Stelle von Boehringer Mannheim getreten sind, hat uns eine sehr renommierte Beraterfirma vorausgesagt, dass irgendwann mit 2.500 Leuten plus 1.000 Zuarbeitenden das Ende der Fahnenstange erreicht sein würde. Mittlerweile sind wir bei fast 6.000 Mitarbeitenden und das Dreifache an Arbeitsplätzen hängt mittelbar oder unmittelbar noch dran. Das hat natürlich erheblichen Einfluss auf die Region.

Positiven Einfluss. Aber nicht nur …
Sie denken an die Verkehrssituation und wahrscheinlich auch an den Immobilienmarkt. Doch ich glaube, da macht man es sich ein wenig zu leicht, wenn man das alles nur auf den großen Arbeitgeber Roche schiebt. Denn umgekehrt sorgt Roche – nicht alleine, aber sicher doch ganz maßgeblich – für eine positive Entwicklung der Region. Schauen wir doch nur einmal auf die Ausbildungssituation

… Das ist ein sehr gutes Stichwort: Ausbildung.
Mit aktuell 300 Auszubildenden sind wir in Bayern das größte und modernste biotechnologische Ausbildungszentrum. Jährlich fangen 100 Auszubildende bei uns an, dazu noch vier oder fünf, die als Flüchtlinge in der Region leben. Ich würde sagen: Roche ist in (er lacht). Und ich glaube sagen zu dürfen, dass Roche mit diesen vielen Ausbildungsplätzen auch einen wertvollen und nachhaltigen Beitrag für die Stadt und das weite Umland leisten kann. Ich bin von jeher der Meinung, dass jedes große Unternehmen auch eine große ethische Verantwortung hat. Und zwar nicht nur den Mitarbeitenden gegenüber, sondern auch für die Region und die hier lebenden Menschen.

Hier entsteht Zukunft 33Was natürlich die Menschen besonders interessiert: Was sind die herausragenden Forschungs- und Entwicklungserfolge, die Roche Penzberg seit 1999 erzielen konnte?
Im Bereich Therapie sind uns bedeutende Entwicklungen gelungen. Zum Beispiel Trastuzumab in der Onkologie, ein Wirkstoff für ein Roche-Medikament gegen Brustkrebs, mit dem weltweit vielen Frauen geholfen werden konnte. Dieser wird hier in Penzberg seit vielen Jahren produziert. Oder nehmen wir Reteplase, den Wirkstoff für ein Medikament zur Behandlung eines akuten Herzinfarktes. Es war das erste in Deutschland gentechnologisch entwickelte und hergestellte Mittel gegen Herzinfarkt – „Rohrfrei für die Adern“, um es salopp zu sagen. Das sind freilich nur zwei von vielen Dingen, die Leben von Patienten erleichtern, verlängern, retten sollen und können. Was wir nicht machen, ist uns mit dem 125. Betablocker zu befassen. Wir sehen unsere Aufgabe in zukunftsweisenden, zukunftsorientierten Entwicklungen. Stichworte sind zum Beispiel „Personalisierte Medizin” und „BigData“. Über all das sollten Sie unbedingt auch noch mit einigen unserer Roche-Experten sprechen.

In welchen Forschungs- und Entwicklungsbereichen sehen Sie für die nächsten 10 bis 20 Jahre die Schwerpunkttätigkeiten des Unternehmens? Besiegen wir den Krebs? Ebola? Malaria? Oder den Schnupfen?
Das mit dem Schnupfen wird wahrscheinlich nichts werden (er lacht). Die Hauptfragestellungen sind bei uns andere. Zum Beispiel: Wie kommt Krebs eigentlich zustande? Mit Medikamenten aus Penzberg sollen Krankheiten behandelt werden, die noch vor 20 Jahren ausweglose Perspektiven hatten. Unsere Schwerpunkte liegen auf Krankheitsgebieten wie Onkologie, Neurologie, Augenheilkunde oder Infektionskrankheiten. In Sachen Krebstherapie sind wir weltweit die Nummer eins. Die Entwicklungen finden allerdings nicht nur an einem einzelnen Standort statt. Vielmehr geht es bei uns darum, das Wissen und die Forschungsergebnisse aus den weltweiten Standorten zu bündeln und daraus resultieren dann Entwicklungen im Konzernverbund. Ein noch sehr junger Wirkstoff gegen Leukämie, dem die Fachwelt einen „Therapiedurchbruch“ bescheinigt hat, ist auf dieser Basis der standortübergreifenden Zusammenarbeit entstanden. Die Kollegen aus der Pharmaforschung, der technischen Entwicklung, der Qualitätskontrolle und der regulatorischen Einheiten hier in Penzberg waren in diesem Fall federführend bei der Entwicklung. Hergestellt wird der Wirkstoff für den Weltmarkt auch hier, in Penzberg.

Können Sie verraten, was Roche als „heißes Eisen“ für die nahe Zukunft in den Laboren hat?
Wir arbeiten beispielsweise mit Hochdruck an Mitteln gegen Alzheimer. So wie es aussieht, könnten wir eventuell in den nächsten ein bis zwei Jahren erste belastbare Ergebnisse vorlegen.

Die Pharmaindustrie ganz allgemein gerät immer wieder einmal in die Kritik. Wie bewerten Sie die Akzeptanz der Bevölkerung am Standort Penzberg?
Uns war und ist es immer wichtig, den Menschen zu erklären, was wir machen, was wir herstellen. Sie haben ganz Recht, die Pharmaindustrie wird oftmals skeptisch beäugt. Wir jedenfalls haben bei allem, was wir machen, immer auf Offenheit, politischen Dialog und Transparenz gesetzt. Und so wollen wir es auch weiterhin halten.

Vor gut 50 Jahren endete die Bergbaugeschichte der Stadt Penzberg. Vor knapp 50 Jahren begann sozusagen die Zukunft. Wie wird sich Penzberg Ihrer Ansicht nach in weiteren 50 Jahren entwickeln? Wie wird sich unser Leben verändern?
Ich gehe fest davon aus, dass wir auch in den nächsten Jahrzehnten das gute partnerschaftliche Verhältnis mit der Stadt fortführen können. Dazu gehört meines Erachtens vor allem, miteinander zu reden, nicht übereinander. Was das betrifft, bin ich sehr optimistisch. Und dann würde ich mir für die nächsten 50 Jahre wünschen, dass viele der Krankheiten mit heute oft schlimmem Verlauf für die nächsten Generationen erledigt sind – und zwar so früh wie möglich. Auch wäre mir persönlich wichtig, dass Länder, die nicht über die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die diagnostische Effizienz verfügen, Zugang zu solchen Medikamenten bekommen.

Das klingt alles nach geradezu revolutionären Schritten in Forschung, Entwicklung und letztlich auch in Politik und Gesellschaft …
Man kann ohne Übertreibung sagen: Die Menschheit steht jetzt an einem ähnlichen Punkt wie zur Erfindung des Buchdrucks. Die Digitalisierung wird unser Leben noch viel entscheidender verändern als wir das bisher angenommen haben. Das gilt für alle Bereiche, besonders aber auch für den Bereich Gesundheit und Medizin. Was dies betrifft, leben wir in einer ungeheuer spannenden Zeit, und es gilt, die Weichen richtig zu stellen, so dass die Gesellschaft, Ärzte und Patienten davon profitieren. Als Werkleiter in Penzberg sehe ich eine der vorrangigsten Aufgaben, zusammen mit dem gesamten Team zu erkennen, wann neue Entwicklungen nötig sind. Denken Sie nur an Nokia. Eine Zeitlang Marktführer in der Handy-Sparte – und plötzlich nicht mehr im Wettbewerb. Der Schweizer Objekt-Künstler Jean Tinguely hat einmal treffend gesagt: „Stillstand gibt es nicht.“

Weil Sie gerade von der Kunst sprechen: Vor den Toren des Werks wird 2019 eine große Skulptur eingeweiht werden … Die „Doppelhelix“ von Dr. Johannes Bauer. Übrigens kein Mitarbeiter von Roche…
Mit seiner Skulptur schafft er eine Verbindung von Bergbauhistorie und heutiger, moderner Forschung. Ein schönes Symbol für die jüngere Geschichte der Stadt und für die Zukunft. „We are Roche in Greater Munich“, liest man oft in Roche-Broschüren. Was spricht gegen Penzberg, was für die Metropole? Da geht es zum einen um den konzerninternen, dabei jedoch internationalen Austausch. Für einen amerikanischen Wissenschaftler, den wir gerne zu uns nach Bayern bzw. ins Oberland holen möchten, ist München ein Begriff, Penzberg meist nicht. Zum anderen sind wir Bestandteil der sogenannten Life-Science-Region Greater Munich, dem Münchner Biotech Cluster mit knapp 250 Life-Science-Unternehmen, zwei Elite-Universitäten, zwei renommierten Hochschulen sowie mehreren Max-Planck-Instituten und dem Helmholtz Zentrum München. Gegen Penzberg spricht also gar nichts. Höchstens das, dass wir alle am internationalen Image noch feilen müssen …

Zuletzt eine persönliche Frage: Wie geht es Ihnen als „Chef des Hauses“?
Ausgesprochen gut! Ich habe wirklich viele gute Leute um mich herum, die dafür sorgen, dass unser Werk sich weiter positiv entwickeln kann. Es macht einfach richtig Spaß und es ist Vergnügen und Ehre zugleich, solch einen Standort vertreten zu können. Wissen Sie, ich bin seit 30 Jahren bei Roche, und ich habe die Entwicklung der Biochemie hin zur Behandlung von Krankheiten beruflich miterlebt und begleitet. Dies als Traumjob zu bezeichnen, ist vielleicht ein bisschen platt. Aber es ist einfach so.

Herr Dr. Opitz, sehr herzlichen Dank für das informative Gespräch.